Offener Brief an die Bundeskanzlerin

Ärz­tin­nen und Ärzte, Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler for­dern in einem offe­nen Brief an die Bun­des­kanz­le­rin den Stopp der Ver­hand­lun­gen über das Frei­han­dels­ab­kom­men sowie eine ver­ant­wor­tungs­volle Poli­tik für eine nach­hal­tige und zukunfts­fä­hige Gesellschaft

 

 

Offe­ner Brief an die Bun­des­kanz­le­rin

Appell  zum  Stopp  der  Ver­hand­lun­gen  über  das Freihandelsabkommen

Sehr geehrte Frau Bun­des­kanz­le­rin Dr. Merkel,

am 13. Februar 2013 haben der US-amerikanische Prä­si­dent und Ver­tre­ter der Euro­päi­schen Union Ver­hand­lun­gen über ein Frei­han­dels­ab­kom­men zwi­schen den USA und der EU ange­kün­digt (Trans­at­lan­tic Trade and Invest­ment Part­nership / TTIP; Trans­at­lan­tic Free Trade Agree­ment / TAFTA). Mit die­sem Frei­han­dels­ab­kom­men sol­len nicht nur Zölle (die im Übri­gen gar nicht son­der­lich hoch sind) abge­baut, son­dern vor allem unter­schied­li­che Stan­dards als Han­dels­hemm­nisse besei­tigt und zwi­schen den USA und der EU ange­gli­chen wer­den. Mit die­sen Regu­lie­rungs­be­stre­bun­gen wird das Frei­han­dels­ab­kom­men tief in die Grund­la­gen unse­rer Gesell­schaft und ihre künf­tige Ent­wick­lung hineinwirken.

Poli­tik und vor allem Kreise der Wirt­schaft dies­seits und jen­seits des Atlan­tiks stre­ben die­ses Frei­han­dels­ab­kom­men vehe­ment an. Die Ver­hand­lun­gen erfol­gen bis­lang hin­ter ver­schlos­se­nen Türen und wer­den offen­kun­dig unter immen­sem Zeit­druck vor­an­ge­trie­ben. Bereits 2015 soll das Ver­trags­werk abge­schlos­sen sein. Wir Bür­ge­rin­nen und Bür­ger sind außen vor. All dies ver­letzt unser Ver­ständ­nis einer demo­kra­ti­schen Gesellschaft.

Die US-Publizistin Lori Wal­lach kom­men­tierte das Vor­ha­ben in le monde diplo­ma­ti­que vom 8.11.2013 wie folgt: „Die­ses trans­at­lan­ti­sche Han­dels– und Inves­ti­ti­ons­ab­kom­men soll, ähn­lich wie frü­her das MAI [Mul­ti­la­te­ra­les Abkom­men über Inves­ti­tio­nen], die Pri­vi­le­gien von Kon­zer­nen und Inves­to­ren absi­chern und sogar noch aus­wei­ten. So wol­len die EU und die USA ihre jewei­li­gen Stan­dards in ‚nicht han­dels­po­li­ti­schen’ Berei­chen ver­ein­heit­li­chen. Diese ange­strebte ‚Har­mo­ni­sie­rung’ ori­en­tiert sich erwar­tungs­ge­mäß an den Inter­es­sen der Kon­zerne und Inves­to­ren. Wer­den deren Stan­dards nicht erfüllt, kön­nen zeit­lich unbe­grenzte Han­dels­sank­tio­nen ver­hängt wer­den. Oder es wer­den gigan­ti­sche Ent­schä­di­gun­gen für die Unter­neh­men fäl­lig.“ Der eng­li­sche Jour­na­list George Mon­biot schrieb im Guar­dian am 4. Novem­ber 2013 von einem „full-frontal assault on demo­cracy“ und von einem Ver­trag, „that would let rapa­cious com­pa­nies sub­vert our laws, rights and natio­nal sovereignty.“

In den ange­führ­ten Zei­tungs­ar­ti­keln sowie in Fern­seh­bei­trä­gen (u.a. Report Mün­chen, Moni­tor) wird über die Pro­ble­ma­tik sol­cher Schieds­ge­richts­ver­fah­ren berich­tet und an kon­kre­ten Bei­spie­len ver­deut­licht. Die Medi­en­bei­träge zei­gen zudem wei­tere Risi­ken des Frei­han­dels­ab­kom­mens: Absen­kung der euro­päi­schen Ver­brau­cher­schutz– und Gesund­heits­stan­dards; Gefähr­dung der bäu­er­li­chen, öko­lo­gi­schen Land­wirt­schaft; Öff­nung für die Agro-Gentechnik; Abbau sozia­ler Stan­dards sowie Absen­kung von Klima– und Umwelt­schutz­auf­la­gen; neue Pri­va­ti­sie­rungs­wel­len in Berei­chen der Daseins­vor­sorge; wei­tere Dere­gu­lie­run­gen des Finanz­sek­tors; etc.

Den berech­tig­ten Sor­gen und Befürch­tun­gen der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger und ihrem Ver­trau­ens­ver­lust in die Poli­tik begeg­net die Euro­päi­sche Kom­mis­sion mit geziel­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien (Mana­ging Trans­pa­rency, Lea­ked Euro­pean Com­mis­sion PR stra­tegy). Den­noch haben sich in Deutsch­land bis­her 714.809 Bür­ge­rin­nen und Bür­ger in Online– Aktio­nen gegen das trans­at­lan­ti­sche Frei­han­dels– und Inves­ti­ti­ons­ab­kom­men (TTIP) aus­ge­spro­chen; diese 714.809 Unter­schrif­ten gegen das Frei­han­dels­ab­kom­men wur­den am 22.05.2014 von dem Akti­ons­bünd­nis ttip-unfairhandelbar den Spitzenkandidaten/innen der Par­teien für die Euro­pa­wahl über­reicht. Zahl­rei­che Orga­ni­sa­tio­nen (NGOs) dies­seits und jen­seits des Atlan­tiks haben sich mit Appel­len gegen das Frei­han­dels­ab­kom­men an die Ver­ant­wort­li­chen in der Poli­tik gewandt.

Aus Erfah­run­gen mit frü­he­ren Frei­han­dels­ab­kom­men und Libe­ra­li­sie­run­gen sowie aus dem, was über das gegen­wär­tige Frei­han­dels­ab­kom­men an die Öffent­lich­keit gedrun­gen ist, kom­men auch wir zu einer nega­ti­ven Bewer­tung des Frei­han­dels­ab­kom­mens zwi­schen den USA und der EU. Die ange­strebte regu­la­to­ri­sche Har­mo­ni­sie­rung mit der Gefähr­dung beste­hen­der euro­päi­scher Umwelt– und Gesund­heits­stan­dards müs­sen wir ebenso ableh­nen wie die geplante Investor-Staats-Gerichtsbarkeit. Es ist nicht hin­nehm­bar, dass aus­län­di­sche Kon­zerne Staa­ten und Regie­run­gen vor nicht öffent­lich tagen­den Schieds­ge­rich­ten auf hohe Scha­den­er­satz­zah­lun­gen ver­kla­gen kön­nen, wenn Gesetze ihre Gewinn­erwar­tun­gen schmä­lern. Die­ser Ein­fluss auf die Gesetz­ge­bung wäre mit rechts­staat­li­chen Prin­zi­pien unver­ein­bar und sittenwidrig.

Frau Bun­des­kanz­le­rin, wir appel­lie­ren daher an Sie, ver­fol­gen Sie einen ande­ren Kurs, und machen Sie Ihren gro­ßen Ein­fluss gel­tend, den Stopp der Ver­hand­lun­gen über das Frei­han­dels­ab­kom­men herbeizuführen.

Anstelle des Frei­han­dels­ab­kom­mens und sei­ner Risi­ken und Gefähr­dun­gen für das All­ge­mein­wohl benö­ti­gen wir eine andere Poli­tik­aus­rich­tung, ste­hen wir doch in vie­len gesell­schaft­li­chen Berei­chen am Schei­de­weg. Als Alter­na­tive zum Frei­han­dels­ab­kom­men gilt es wich­tige Zukunfts­pro­jekte für eine nach­hal­tige und zukunfts­fä­hige Gesell­schaft in die Wege zu lei­ten. Als Ärz­tin­nen und Ärzte, als Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler, auch als Väter und Müt­ter, möch­ten wir aus die­ser Ver­ant­wor­tung her­aus diese nach­fol­gend benen­nen und einfordern:

  • Schaf­fung gesell­schaft­li­cher Rah­men­be­din­gun­gen für ein Res­sour­cen und Umwelt scho­nen­des Wirt­schaf­ten und des­sen poli­ti­sche Durchsetzung,
  • eine kon­se­quente Poli­tik der gen­tech­nik­freien Landwirtschaft,
  •  wesent­lich umfang­rei­chere För­de­rung der öko­lo­gi­schen Land­wirt­schaft und der Öko­land­bau– For­schung; die bis­he­rige mini­male För­de­rung ist öko­lo­gisch schäd­lich und gegen­über den zukünf­ti­gen Gene­ra­tio­nen verantwortungslos,
  • Wei­ter­ent­wick­lung des Vor­sor­ge­prin­zips und ent­spre­chen­der Stan­dards zur Redu­zie­rung von Gesund­heits­ge­fähr­dun­gen durch Lebens­mit­tel– und Umweltbelastungen,
  • Beset­zung wich­ti­ger Umwelt– und Gesund­heits­gre­mien mit indus­trie­un­ab­hän­gi­gen Wissenschaftlern/innen bei Fra­gen zur Risi­ko­be­wer­tung und Stan­dar­di­sie­rung von Pro­duk­ten und Pro­zes­sen sowie För­de­rung indus­trie­un­ab­hän­gi­ger For­schung in die­sen Bereichen,
  • Daten­schutz und digi­ta­ler Huma­nis­mus, anstelle eines Überwachungsstaates,
  • Sou­ve­rä­ni­tät in der Kul­tur­po­li­tik und –förderung,
  • Wege zu einer gerech­ten Gesell­schaft: Abbau von Kin­der– und Alters­ar­mut sowie der Arbeits­ar­mut, die zwi­schen Kin­der­ar­mut und Alters­ar­mut immer stär­ker zunimmt; Ver­hin­de­rung der Steu­er­flucht und Regu­lie­rung des Finanz­sek­tors; öffent­li­che Ver­ant­wor­tung und Zustän­dig­keit für zen­trale Berei­che der Daseins­vor­sorge – Gesund­heit, Bil­dung, Was­ser, Wohnen,Mobilität, etc.

Diese Ent­wick­lungs­ziele für eine nach­hal­tige und zukunfts­fä­hige Gesell­schaft ver­bin­den wir mit unse­rem Appell zum Stopp der Geheim­ver­hand­lun­gen über das Freihandelsabkommen.

Frau Bun­des­kanz­le­rin, das Grund­ge­setz ver­pflich­tet Sie, Scha­den vom deut­schen Volk abzu­wen­den: Wir appel­lie­ren, tun Sie dies für uns, unsere Kin­der und Kindeskinder.

V.i.S.d.P.

Prof. Dr. Dr. Karl-Franz Kal­ten­born (Initia­tor),
Mar­burg, keinttip@staff.uni-marburg.de

Prof. Dr. Monika Krü­ger, Leip­zig, mkrueger@vetmed.uni-leipzig.de

Dr. Mar­tha Mer­tens, Mün­chen, mertens@biodiv.de

PD Dr. Johan­nes Maria Becker, Mar­burg, becker1@staff.uni-marburg.de

Web­site: http://kritik-freihandelsabkommen.de/